Alle Artikel in: Erdachtes & Erzähltes

Das Wiedersehen

Ted marschierte gerade von Bord eines großen Kreuzfahrtschiffes, um den Hafen und die fremde Stadt zu erkunden. Schön, war die Reise bisher gewesen. Noch nie zuvor war er so lange an Bord eines Schiffes gewesen und durch das Mittelmeer geschippert. Er war sich gar nicht so vorgekommen wie auf einem Schiff, eher wie in einer schwimmenden Stadt. So viele Menschen hatte er getroffen, nicht allen konnte man vertrauen. Den meisten musste man die eigene Existenz verheimlichen. So lebte er meist ein wenig abseits. Tagsüber hielt er sich gut versteckt, wie es sich für einen blinden Passagier gehörte und nachts machte er seine Streifgänge durch die Flure und durch die Vorratskammern, wo er sich Nacht für Nacht den Bauch vollschlug. Ein Leben in Saus und Braus, waren die vergangenen zwei Wochen gewesen. Obwohl er sich wie im Schlaraffenland gefühlt hatte, brauchte er für den heutigen Tag mal wieder richtigen und nicht wankenden Boden unter seinen Füßen. So trippelte er die Gangway hinunter und schaffte gerade noch den Absprung, bevor diese wieder entfernt wurde. Er atmete tief …

Puddinggesicht und Spinatwachtel

Ihr merkt es bestimmt schon: Heute geht es wieder einmal um unsere schöne bilderreiche Sprache und um unser Essen. Ich weiß ja, mit dem Essen spielt man nicht, aber auf der sprachlichen Ebene ist es erlaubt. Es mag zwar vorkommen, dass die Sprüche nicht immer die feine Art sind, aber das sollte man in diesem Fall verzeihen können: Georg und Frank sind Freunde. Sehr unterschiedliche Freunde, zumindest was das Aussehen betrifft, aber sie verstehen sich prima. – Meistens! Während Georg ziemlich rundlich geraten ist, weil er für sein Leben gerne isst, zählt Frank zu der schlanken Fraktion. So sind sie dann auch zu ihren Spitznamen gekommen: Puddinggesicht und Spinatwachtel. Es erübrigt sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, zu erläutern, wer welchen Namen trägt. Da die Beiden zum Glück mit Humor gesegnet sind, nehmen sie diese Namensgebungen nicht so ernst und können selbst darüber schmunzeln. Heute haben sie den ganzen Nachmittag am Baggersee verbracht. Die Sonne hat vom Himmel gebrannt und es waren fast dreißig Grad. „Hey, Puddinggesicht, was ist mit dir los? Ich hab dich …

Was klappert denn da?

Frau Erna Schimmelpfennig hat heute Waschtag. Sie leert gerade die Hosentaschen ihres Mannes, denn er hat immer allen möglichen Krimskrams in seinen Taschen versteckt. Manchmal sind es Schrauben, dann wieder irgendwelche Merkzettel. Heute ist es jedoch ein Fünfzig-Centstück. Sie nimmt es heraus und legt es achtlos auf die Waschmaschine. Plötzlich klingelt es an der Haustür. Tilly steht davor. Sie hat einen 20 Euroschein in der Hand. „Hallo Tilly“, begrüßt Frau Schimmelpfennig ihre Nachbarin. „Willst du mir Geld schenken, weil du so mit dem Schein wedelst?“ „Ach“, sagt Tilly ganz außer Puste. „Ich wollte für unseren jüngsten Enkelsohn ein Geschenk basteln, aus lauter Kleingeld.“ „Ich ahne schon, was du von mir willst. Ich soll für dich den Wechselautomaten spielen“, lacht Erna, woraufhin Tilly verlegen mit den Schultern zuckt und noch zwei Zehn- und zwei Fünf-Euroscheine aus der Jackentasche zieht. „Na, da will ich mal sehen, was ich für dich tun kann.“ Erna und Tilly sitzen sich mittlerweile am Küchentisch gegenüber. Zwischen ihnen steht eine Dose, in der es schon beim Hochheben verdächtig klimpert. „Erwin leert manchmal …

Kleiderordnung

Auf die Idee zu meiner heutigen Geschichte brachte mich eine Radiomeldung, die ich allerdings nur am Rande vernahm. Doch das, was ich noch hörte, fand ich nicht nur witzig, sondern auch so direkt aus dem Leben gegriffen, dass es hier an dieser Stelle einen Platz finden muss. Da ich meinen Blog „lifetellsstories“ genannt habe, gehören Geschichten, die das Leben erzählt hierher. Selbstverständlich habe ich Ort, Personen und Ausschmückungen meiner Fantasie entspringen lassen und hoffe nun, dass Euch die Begebenheit genauso gut gefällt wie mir. Hans ist Ende Zwanzig, arbeitet bei einer Firma in der Verwaltung und sitzt mit einigen seiner Kollegen in einem Großraumbüro, allerdings mit regem Publikumsverkehr. Ihm macht die Arbeit viel Spaß, da er den Kontakt zu Menschen ebenso liebt, wie die Büroarbeit. Er ist sehr ordentlich und auch gewissenhaft in seinem ganzen Tun. Hans ist kein Griesgram oder gar Besserwisser, sondern ein lustiger und fröhlicher Mensch, der schnell Kontakt findet und mit dem man sowohl privat als auch beruflich gut auskommt. Er ist bei seinen Mitarbeitern ebenso beliebt, wie bei seinen Vorgesetzten. …

Mr. Stoneman’s friend

Ich traf Mr. Stoneman durch Zufall auf einer Sonneninsel im Atlantik. Er lag dort faul am Strand und sonnte sich. Bis zu diesem besagten Tag hätte ich nicht im Entferntesten gedacht, dass mir einmal die Ehre zuteilwerden würde seine Bekanntschaft zu machen, zumal mir bis dato auch noch nie etwas von seiner Existenz zu Ohren gekommen ist. Aber das Schicksal geht manchmal seltsame Wege, führt zusammen und trennt aber auch wieder. Trotzdem bin ich froh seine Bekanntschaft gemacht zu haben und ich muss sagen, dass ich ohne ihn nicht da wäre, wo ich heute bin. Zum Zeitpunkt unseres Kennenlernens war ich ein Niemand, verloren unter vielen Gleichgesinnten. Allein die Tatsache in seiner Nähe zu sein, war ein Glückstreffer, der meinen weiteren Lebensweg bestimmen sollte. Zuvor war mein Leben nicht immer einfach gewesen, es gab viele Höhen und Tiefen und verlief ziemlich planlos. Ich erwartete nichts mehr vom Leben und glaubte nicht mehr daran, dass das Leben mir noch bessere Tage bescheren sollte. Ich würde in alle Ewigkeit irgendwo vor mich hinexistieren. Doch das Zusammentreffen mit …

Fräulein Tussnelda

Ich möchte Euch heute eine kleine Persönlichkeit vorstellen, die ich neulich getroffen habe. Sie saß bei meiner Schwiegermutter auf dem Sofa und kam mir ein bisschen verloren vor. Ich setzte mich zu ihr und betrachtete sie ein Weilchen, doch dann kam ich mit ihr ins Gespräch. Sie wurde recht redselig und so ließ ich sie ganz einfach ein bisschen aus ihrem Leben plaudern. Vielleicht möchtet Ihr dem Gespräch lauschen: „Guten Tag“, sagte ich. „Ich habe Sie schon öfter hier gesehen, doch leider hatten wir nie die Gelegenheit uns vorzustellen und uns zu unterhalten. Ich bin die Schwiegertochter von Frau B.“ „Das ist aber nett von Ihnen, dass sie mich ansprechen. Ich habe sie ebenfalls schon oft gesehen, doch leider haben sie noch nie das Wort an mich gerichtet. Das passiert sowieso nie. Das letzte Mal habe ich mich vor vielen, vielen Jahren hier mit einem kleinen Mädchen unterhalten, aber auch nur ein paar Worte. Die Menschen sind sehr schweigsam mir gegenüber.“ Das Fräulein senkte den Blick und schwieg für einen kurzen Moment, doch dann sprach …

Atemberaubend

Eigentlich hatte er nicht alleine hierher gewollt. Seine Liebste sollte mit ihm in die Stadt der Liebe reisen. Doch leider hatte sie ein lukrativer Auftrag, den sie unmöglich hätte ablehnen können, daran gehindert.  „So ist das eben im Leben“, hatte sie beim Abschied mit Tränen in den Augen zu ihm gesagt. „Selbständig bedeutet einfach ‚selbst und ständig‘ und genau aus diesem Grund muss ich auf die geplante Reise verzichten.“ „Ich werde alles absagen“, hatte er ihr zum wiederholten Male mitgeteilt, aber sie hatte darauf bestanden, dass er sich in den Flieger setzte und nach Venedig flog. Ja, und so war er nun das Wochenende, das nur ihnen gehören sollte, allein in dieser schönen Stadt. Mindestens drei Brautpaare hatte er schon gesehen. Gerne hätte er ihr hier in romantischer Atmosphäre einen Heiratsantrag machen wollen, doch es war alles anders gekommen, wie so oft im Leben. Heute Abend nun würde sein Flieger zurück gehen und er wollte nur noch einen kurzen Rundgang machen. Ein paar Fotos und ein paar Eindrücke sammeln, von denen er seiner Liebsten zu …

Das sind wir

Ich möchte Euch heute ein bisschen von mir und meiner Familie erzählen. Allerdings sage ich Euch nicht gleich, wer ich bin, aber Ihr werdet es beim Lesen schon bald herausfinden. Ich und die anderen Mitglieder meiner Familie sind Euch gar nicht so unbekannt, wie Ihr vielleicht zunächst vermuten werdet. Ich möchte sogar behaupten, dass Ihr uns alle, ausnahmslos, kennt und uns nicht missen möchtet. Ich spreche in Rätseln? Ach lest einfach weiter und das Rätsel wird sich mit jedem Wort von mir mehr und mehr seiner Lösung nähern. Ich bin in einer Großfamilie aufgewachsen. Papa und Mama haben acht Kinder und auch unsere beiden Onkels leben mit uns zusammen. Wer in einer solch großen Familie lebt, der weiß, dass immer etwas los ist und man viel Spaß miteinander hat. Manchmal allerdings gibt es auch Streit, doch davon werde ich später noch berichten. Die Anzahl unserer Familienmitglieder ist nicht die einzige Besonderheit, die uns auszeichnet, sondern auch unser Aussehen. Wir sehen uns nämlich alle irgendwie ähnlich, doch das ist noch nichts Ungewöhnliches innerhalb einer Familie. Das …

Die Abenteuer des kleinen Matz

Piep und Matz sind zwei kleine Zwillingsmäusekinder, die mit ihren Eltern in einem Mauseloch, also ihrer Mäusewohnung leben. Diese befindet sich in einem schönen Garten nicht weit von der Gartenlaube entfernt. Piep und Matz sind ganz klein und müssen noch viel lernen. Deshalb dürfen sie nur gemeinsam mit ihren Eltern nach draußen in die große weite Welt. „Ihr Zwei bleibt schön zu Hause und wartet bis Papa und Mama zurück sind. Wir gehen auf Futtersuche und bringen Euch gleich was Leckeres mit“, sagt der Vater streng zu den beiden Mäusekindern. „Ihr wisst ja, dass es draußen ganz gefährlich ist und es auch eine Katze in dem Garten außerhalb unserer Mäusewohnung gibt. Seid schön artig und macht, was der Papa gesagt hat“, ermahnt die Mutter. Piep und Matz piepen ein „Jawohl, liebe Eltern!“ in ihrer Mäusesprache und kuscheln sich aneinander. Hier unten ist es schön warm und ihr Nestchen bietet ihnen Schutz und Behaglichkeit. Die Beiden fühlen sich sicher und entschwinden auch gleich in das Land der süßen Träume. Während Piep von einer großen Katze träumt, …

Ein Tag mit Hindernissen

Heute ist ein Tag, der besser zum November passen würde, als zum Spätsommer. Wolkenverhangen, trüb und regnerisch. Schon am Morgen als Lara die Augen aufmacht, hat sie schlechte Laune. Ihr Schlaf war unruhig gewesen. Sie hat schlecht geträumt. Lauter wirres Zeug, an das sie sich jetzt nicht mehr erinnern kann. „Das war jetzt also meine erste Nacht in meiner neuen Wohnung?“, fragt sie sich mürrisch. „Was man in der ersten Nacht träumt, das soll sich angeblich erfüllen. Das kann doch nur schief gehen hier. Außerdem kenne ich in dieser Stadt keine einzige Menschenseele, außer Ludmilla Labermann. Und die habe ich gestern schon zur Genüge genossen.“ Lara hätte sich einen anderen Start in den neuen Tag und in ihr neues Leben gewünscht. „Vielleicht war alles ja eine Schnapsidee“, überlegt sie laut. „Aber das Jobangebot des Verlags ist einfach fantastisch und ich freue mich riesig auf meine neue Tätigkeit. Und so habe ich mich halt spontan entschlossen in die Großstadt zu ziehen. Ich habe keine Ahnung, ob diese Entscheidung nun richtig oder falsch war.“ Lara entschlüpft dem …

Ach du liebe Zeit!

Erschöpft lässt sich Lara auf den Sessel plumpsen. Sie schließt die Augen und denkt erleichtert: „Geschafft! Das war die letzte Umzugskiste!“ Sie ist fertig und kann es kaum glauben. Ein bisschen Stolz mischt sich zu den Gefühlen der Freude und Erschöpfung. Na klar, sie hat auch Helfer gehabt. Gute Freunde gingen ihr die letzten Tage zur Hand und unterstützten sie tatkräftig. Das Auspacken der Umzugskisten wollte sie jedoch alleine bewältigen. Am Anfang machte es ja auch noch Spaß, aber sie hat wohl die Anzahl der Kisten unterschätzt und den Kleinkram, den sie zu Tage förderte ebenso. Aber jetzt ist es endlich geschafft.  Als sie einen Blick zum Fenster hinaus wirft, stellt sie fest, dass es ein herrlicher Spätsommertag ist, den man nicht drinnen verbringen sollte. Schnell hüpft sie unter die Dusche, schlüpft in eine saubere Jeans und eine weiße Bluse, zieht ihre Pumps an und macht sich auf den Weg zur Altstadt. Dort sucht Lara sich in einem hübschen Straßencafe einen unbesetzten Tisch in der Sonne. Sie genießt die vermutlich letzten wärmenden Sonnenstrahlen dieses Sommers ebenso …

Elisa und Luise

Jetzt haben wir schon bald den 11. November. Für mich persönlich ist und bleibt es der Sankt Martinstag. Die Kinder verbinden mit ihm den Martinsumzug mit Laternen und mancherorts auch mit einem Sankt Martin auf dem Pferd, der mit einem Bettler seinen Mantel teilt. Selbst wenn die Geschichte vom Bischof von Tours nicht allen bekannt ist, ist diese Tradition doch noch weit verbreitet. Bei den Erwachsenen denken viele an die Martinsgans und treffen sich zum Gänseessen. Ich esse ebenfalls gerne Gänsebraten, doch ich muss auch an die vielen armen Gänse denken, die ihr Leben für den Gaumenschmaus der Menschen lassen müssen oder sogar nur deshalb gezüchtet werden. Meine heutige Geschichte widme ich all diesen armen Gänsen: Elisa liebt die Spaziergänge im Herbst. Wenn die Blätter sich bunt färben, selbst wenn sie von den Bäumen fallen und auch wenn der Wettergott zu weinen beginnt, hält sie nichts mehr im Haus. In wetterfester Kleidung dreht sie ihre tägliche Runde. Früher war ihr Mann an ihrer Seite, doch inzwischen ist sie alleine unterwegs, genießt die Natur und hängt ihren …

Pit Struwwel und Franz Stroh

Pit steht am Rande des Stoppelfeldes. Er ist eigentlich ein lustiger Geselle. Schon sein Aussehen ist kunterbunt. Er trägt eine braune Hose mit bunten Stoffflicken und einen grünen Mantel, der ebenfalls einige Flicken enthält. Um seinen Hals ist ein orangefarbenes Tuch geschlungen und auf seinem Kopf thront ein schwarzer Schlapphut mit einem grünen Band. Meist hat Pit gute Laune, doch heute ist er alles andere als gut drauf, wie man landläufig so sagt. Seine Stimmung ist auf dem Tiefpunkt angekommen. Warum? Naja, erstens weil er hier fast alleine in der gottverlassenen Gegend herumsteht und zweitens, weil es in Strömen regnet. Der dritte Grund für seine schlechte Laune sind die immer weiter sinkenden Temperaturen. Normalerweise würde er gar nicht mehr hier draußen stehen, sondern wäre in der Wärme und hätte ein Dach über dem Kopf. „Ich frage mich, warum sie mich hier einfach stehen lassen und sich keiner um mich kümmert“, überlegt er. „Das war noch niemals so. Jedes Jahr haben sie mich abgeholt.“ Pit blickt sich mürrisch in der Gegend um. Sein Blick sucht jemand. …

Das Blau des Himmels

Die Idee zu dieser Geschichte wurde an einem schönen Sommertag geboren. Ich lag auf einem Liegestuhl und hatte die Augen geschlossen. Als ich sie öffnete, blickte ich zwischen zwei Sonnenschirmen hindurch direkt in den Himmel. Ich konnte meinen Blick nicht abwenden, denn dieses Himmelblau faszinierte mich und nahm mich in seinen Bann. Und plötzlich fielen sie mir ein, die vielen verschiedene Redewendungen, die wir dem Himmel gewidmet haben. Dem Himmel sei Dank für unsere facettenreiche Sprache. Ihr kennt diese Redewendungen und Aussprüche alle und wahrscheinlich habt ihr sie im Laufe des Lebens auch schon selbst benutzt. „Also“, so dachte ich mir, „lass mich daraus eine kleine Geschichte basteln.“ Und hier ist sie: Tina schwang sich auf ihr Rad und fuhr zu ihrer Freundin Suse. Die Beiden verband nicht nur eine lange und innige Freundschaft, immerhin nannten sie sich schon seit Schultagen Freundinnen, sondern sie hatten auch beruflich einen gemeinsamen Weg eingeschlagen. Seit einem Jahr hatten sie ein kleines Geschäft. Tina war Goldschmiedin und sie hatte schon immer davon geträumt sich selbständig zu machen. Doch alleine …