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Aurelia und Albert (10)

Eule Aurelia, die alles von ihrem Aussichtspunkt aus beobachtet hat, breitet ihre Flügel aus und schwingt sich in die Lüfte. Sie fliegt über Berge und Täler über Flüsse und zugefrorene Seen.

Nein, sie fliegt nicht ziellos umher. Sie weiß genau, wohin sie will und als sie ihr Ziel erreicht hat, setzt sie sich auf den höchsten Baum. Sie beginnt ein lautes Geschrei. Immer und immer wiederholt sie ihr Rufen.

„Was ist denn hier für ein Tumult!“, wundert sich der Bewohner eines einsam stehenden Hauses mitten in einem tiefen und dunklen Wald. Er sieht ein bisschen wie Albert Einstein aus, doch der ist ja schon lange tot. Aber alle, die diesen alten Mann hier im Wald kennen, nennen ihn wegen seiner Ähnlichkeit, aber auch wegen seiner Weisheit nur Albert. Mit seinem richtigen Namen wird er niemals gerufen. Möglicherweise kennt diesen sogar keiner mehr.

„Ich sollte unbedingt einmal nachsehen. Es hört sich nach Aurelia, der klugen Eule an. Aber normalerweise ist sie ein eher stiller Vertreter ihrer Art“, denkt Albert und geht nach draußen.

„Weiser alter Mann! Albert, hörst Du mich?!“ schallt es ihm entgegen.

„Aurelia? Was ist denn los? Wieso bist Du so aufgeregt?“

„Bruno, der Teddybär, Hugo, der Waldmensch und Kurt, der Schneemann …“, Aurelia muss erst einmal Luft holen. Sie ist total außer Atem. „… sind auf dem Weg zu Dir!“

„Oh, wie schön, ich bekomme Besuch!“, freut sich Albert. „Da sollte ich meine Hütte aufräumen, es ist nämlich wieder einmal dringend nötig. Vor lauter Denken, Erfinden und Grübeln kommt man ja nicht zum Aufräumen…“

„Dazu bleibt keine Zeit!“, schreit die Eule verzweifelt. „Kurt, der Schneemann braucht Deine Hilfe, sonst stirbt er!“

Aurelia berichtet schnell alles, was Albert wissen muss. Dieser wirft vorsichtshalber einen kleinen Schlitten mit Rädern auf sein Gefährt, da er dieses schon für den Winterbetrieb mit Kufen ausgestattet hat.

„Man kann ja nie wissen, wozu er gut ist“, meint er und springt auf sein düsenangetriebenes Gefährt. Diesen Antrieb hat er sich selbst ausgedacht und gebaut. Er ist eben ein kluger Mann, der weiß, wie man schnell vorankommt. 

„Hoffentlich ist Dein Fahrzeug auch schnell genug, damit wir noch rechtzeitig ankommen und Du den Schneemann Kurt retten kannst!“, hofft Aurelia. Sie schwingt sich neben Albert auf den Beifahrersitz. Zum Glück kennt die Eule den Weg und kann dem weisen alten Mann somit ein bisschen helfen. Mit ganz viel Hoffnung im Gepäck düsen die Beiden los…

Fortsetzung folgt …

Vergessen

 

Einst haben sie alle uns geliebt,

denn wir waren überall beliebt.

Gehütet und gepflegt wurden wir,

denn man war stolz auf unsere Zier.

 

Auf keiner Feier durften wir fehlen,

darüber könnten wir viel erzählen.

Wir waren gefragt jeden Sonntag,

zum Jubiläum oder auch Geburtstag. 

 

Wurde eine festliche Tafel bereitet

und weißer Damast ausgebreitet,

waren wir immer mit von der Partie

und ließen spielen unsere Magie.

 

Wir waren von schlichter Schönheit,

oder auch edel, je nach Feierlichkeit.

Ob einfach nur weiß oder verziert,

unsere Beliebtheit war garantiert.

 

Wurden gereicht von Hand zu Hand,

ob in der Stadt oder auf dem Land,

verströmten in des Räumen Luft

des Kaffee besonders köstlichen Duft.

 

Doch mussten wir warten zu lange,

wurde der Hausfrau ganz bange.

War der Kaffee dann wohl eiskalt,

griff man zur Thermoskanne bald.

 

Drum haben wir nun ausgedient.

Womit haben wir das verdient?

Stehen nun vergessen im Schrank,

das ist eben der Welten Dank.

 

Vielleicht in vielen, vielen Jubeljahren,

wenn sie uns so lange aufbewahren

und uns dann  nicht mehr übersehen,

werden wir im Glanze auferstehen.

 

Unsere Anmut und die Nostalgie

vereinen sich zur Symphonie.

Man wird uns wieder begehren

und hochachtungsvoll ehren.

 

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Auf der Suche

Neulich habe ich ja schon von unserer Katze berichtet. Sie hält sich zur Zeit hauptsächlich draußen auf und lässt sich nur noch selten blicken. Auch frisst sie sehr wenig und ist ziemlich abgemagert.

Da wir nicht einfach nur warten wollten, dass sie sich wieder einmal bei uns blicken lässt, sind wir auf die Suche nach ihr gegangen. Unsere Katze hört nicht nur auf ihren Namen, sondern auch auf unser Pfeifen. Mein Pfeifen ist ihr zwar manchmal ziemlich egal, aber auf den Pfiff meines Mannes, der sehr intensiv und durchdringend ist und selbst mir in den Ohren weh tut, reagiert sie sofort. Also haben wir uns auf den Weg durch unser Wohngebiet gemacht. Zunächst sind wir die näheren Straßen mit dem Auto abgefahren, denn normalerweise kommt sie sofort aus irgendeiner Ecke hervor, wenn sie das Motorgeräusch unseres Wagens hört. Mit heruntergekurbeltem Fenster ließ mein Mann seinen durchdringenden Pfiff ertönen. Leider blieben wir erfolglos und fuhren etwas traurig wieder nach Hause. Doch so schnell gaben wir natürlich nicht auf.

Wir gingen zu dem nahegelegenen kleinen Wäldchen, da mein Mann sie neulich mal aus dieser Richtung hat kommen sehen. Kurz vor dem Wald blieben wir stehen und mein Mann schickte seinen Pfiff durch die Luft. Unterstützend rief ich den Namen unserer Katze.

Siehe da, schon hörten wir ein Rascheln und lautes Miauen. Beide Geräusche näherten sich uns. Und dann sahen wir sie. Sie kam geradewegs auf uns zu. Allerdings nicht aus dem Wäldchen, sondern aus einem Gebüsch in einem Garten. Jetzt sahen wir auch, dass der Maschendrahtzaun am Boden verbogen war und somit ein Schlupfloch bot. Genau dort hindurch schlüpfte unsere Katze und umschmeichelte jetzt unsere Beine.

Zunächst machte es den Eindruck, als wolle sie uns etwas zeigen, denn sie lief den Waldweg ein paar Schritte entlang, dann wartete sie auf uns. Wir folgten ihr und sie lief wieder ein paar Meter. Allerdings schien sie schon bald selbst nicht mehr genau zu wissen, was sie eigentlich wollte und so schlugen wir die entgegengesetzte Richtung ein und marschierten nach Hause. Unsere Katze folgte uns erzählend und kam sogar mit ins Haus. Als sie ein paar Happen gefressen hatte, wollte sie wieder nach draußen. Von der geschlossenen Haustür marschierte sie zur geschlossenen Terrassentür. Da beides keinen Erfolg zeigte, probierte sie ihre Katzenklappe aus, doch auch diese hatten wir wohlweißlich verschlossen. Sie begann natürlich zu jammern. Hätte ich es nicht besser gewusst, so hätte ich gedacht, sie sei rollig oder hätte irgendwo Junge, die sie versorgen muss.

Gerade als wir schon fast durch ihr Jammern nachgeben und sie wieder nach draußen entlassen wollten, beruhigte sie sich. Sie legte sich gemütlich auf den Teppich und begann sich zu putzen. Danach sprang sie zu meinem Mann auf das Sofa, ließ sich kraulen und schlief dann tief, fest und zufrieden ein.

Am Morgen musste sie allerdings ganz schnell und dringend weg. Natürlich ohne Frühstück. Aber sie kam tagsüber, futterte und schlief auf der Terrasse in ihrem Körbchen, bevor sie wieder auf Tour ging.

Mal sehen, ob sie heute Nacht von alleine kommt…

 

 

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Sorgen

Heute waren es bei uns wieder 28 Grad. Zum Glück ist die extreme Hitze vorbei und die Temperaturen sind wieder angenehmer.

Bei diesem Sommerwetter hält es Mensch und Tier nicht im Haus. Unsere Katze mag zur Zeit nicht im Haus übernachten, sondern zieht es vor draußen die Nacht zu verbringen. Das sind wir eigentlich von den vorangegangenen Sommern schon gewohnt. Auch die Tatsache, dass sie tagsüber viel unterwegs ist, beziehungsweise irgendwo an einem schattigen Plätzchen vor sich hin döst, ist nichts Ungewöhnliches.

Während unsere Katze in der kalten Jahreszeit recht gut genährt aussieht und sogar schon 5 Kilogramm auf die Waage bringt, verliert sie im Sommer an Gewicht. Wir lachen immer, denn sie kann im Winter nicht zwischen den Stäben von Nachbars Zaun hindurchschlüpfen, aber im Sommer springt sie locker leicht hindurch.

In diesem Sommer ist es aber trotzdem etwas anders. Unsere Katze sieht schon recht dünn und abgemagert aus. Wir machen uns Sorgen, denn sie kommt zwar immer wieder vorbei, aber sie will sofort wieder nach draußen, als hätte sie einen wichtigen Termin. Auch frisst sie jedes Mal nur ein paar Happen. Allerdings weiß ich, dass sie auch von den Nachbarn gefüttert wird. Sie haben jedoch die selben Beobachtungen gemacht und sind ebenfalls besorgt. Man muss dazu sagen, dass unsere Katze der Liebling aller Nachbarn ist.

Als sie heute wieder einmal auf Stippvisite bei uns zu Besuch war, haben wir sie geschnappt und sind mit  ihr kurzerhand schnell mal zum Tierarzt. Unsere Katze hat allerdings einen guten Eindruck hinterlassen. Sie war neugierig und ist gleich durch die Praxis marschiert, hat alle Ecken ausgeschnuppert und wirkte wie immer. Die Tierärztin begutachtete ihr Fell, das glänzt und tastete sie ab. Keine Parasiten oder Zecken waren erkennbar und der Gesamteindruck stimmte. Da sie zur Zeit viel draußen durch die Gegend streunert, wurde nochmals eine Wurmkur verabreicht.

Wenn die Situation sich nicht bessert und unsere Katze weiter abmagert, dann werden wir die Möglichkeit in Betracht ziehen, sie zu Hause einzusperren. Allerdings scheint uns dies nicht der richtige Weg zu diesem Zeitpunkt. Obwohl wir uns Sorgen machen, hoffen wir doch, dass sich die Lage stabilisiert und normalisiert. Wir werden sie auf alle Fälle gut beobachten und umsorgen.

Wie die Zeit vergeht

Heute melde ich mich wieder einmal aus meiner Plauderecke, um Euch einen lieben Gruß zu schicken. Ich hatte die letzten Tage wenig Zeit, um meine Blogrunden zu drehen, denn bei uns gab und gibt es große Ereignisse, in erfreulicher und nicht erfreulicher Hinsicht.

Sehr ärgerlich war, dass wir im Haus einen Rohrbruch hatten. Wir saßen ungefähr eine Dreiviertelstunde auf dem Balkon, als es passierte und unser gesamtes Erdgeschoss plötzlich unter Wasser stand. Als ich die Treppe hinunter ging, stand ich mit den Füßen im Wasser. Eine echte Havarie. Wir hatten Glück im Unglück, denn knappe zwei Wochen vorher waren wir noch im Urlaub. Ich mag nicht darüber nachdenken, was dann passiert wäre. Das Ausmaß der „Überflutung“ wäre auf alle Fälle wesentlich größer gewesen. Nächste Woche kommt der Gutachter und die Trocknungsphase mit großen Trocknungsgeräten beginnt. Dann sehen wir weiter.

Viel erfreulicher war ein großes Ereignis in unserer Familie. Meine Mutter hatte am Siebenschläfer ihren 90. Geburtstag, den sie bei uns in Cottbus verbrachte. Ich hatte für sie eine große Überraschungsfeier bei uns geplant, die auch ein voller Erfolg war. Es war nicht ganz einfach alle Vorbereitungen vor ihr geheim zu halten, aber es hat geklappt.

So klingelte es um 15 Uhr an unserer Haustür und die Gäste standen davor. Meine Mutter war tatsächlich freudig überrascht und sollte den ganzen Tag nicht mehr aus dem Staunen und Freuen herauskommen. Denn schon um 17 Uhr hörten wir seltsame Geräusche von draußen und eilten alle zur Tür (die Gäste wussten natürlich Bescheid). Auf der Straße stand ein Kremser (Planwagen), gezogen von zwei schwarzen Pferden. Und dann ging unsere dreistündige Fahrt los, die lustig und interessant war. Wir hatten alle viel Spaß und meine Mutter war begeistert. Am Abend wurde auf unserer Terrasse weiter gefeiert und köstlich gespeist, denn wir hatten für den Ehrentag meiner Mutter auch hierfür vorgesorgt. Als sie sich später von ihren Gästen verabschiedete, meinte sie, es sei ihr schönster Geburtstag gewesen. Das macht mich natürlich sehr, sehr glücklich.

Tja und das nächste freudige Ereignis folgt nun Mitte nächster Woche, wenn unser Sohn 30 wird.

Da sage mal jemand, das Leben sei langweilig ;-). Momentan können wir uns über Langeweile nicht beklagen.

So, nun muss ich mich wieder unserem aufregendem Leben widmen.

Seid alle herzlich gegrüßt von mir.

Astrid

Wege des Lebens

 

Jeder Mensch befindet sich im Leben,

auf den unterschiedlichsten Wegen.

Auf manchen kann er vor Glück schweben,

auf anderen ist er von Steinen umgeben.

 

Es gibt Weggabelungen und Kreuzungen,

Überlegungen und Entscheidungen,

die er dann notwendigerweise treffen muss,

die erfordern des Menschen Entschluss.

 

Angetrieben von Hoffen und Sehnen,

heißt es annehmen oder ablehnen,

zu schreiten mit Elan, Mut und Kraft vorwärts

oder ein paar Schritte zu gehen rückwärts.

 

Fragen über Fragen zermartern das Gehirn,

legen in Falten des Menschen Stirn.

An den einzelnen Etappen und Standorten,

sucht er die passenden Antworten.

 

Wird dieser Weg zum ersehnten Ziel

schwierig oder ein Kinderspiel?

Geht er daraus hervor mit Erfolg und Applaus?

Niemand weiß dies so genau im Voraus.

 

Wie er sich auch entscheiden mag,

Eines steht sicher außer Frag’:

Entschieden durch Überlegung, Glück oder Zufall,

lernen und klüger wird er in jedem Fall.

 

 

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Ich war mal kurz weg

Ich war mal kurz weg

mit Mann und Gepäck.

Sind entflohen ein paar Tage

in eine schmucke Hotelanlage.

 

Eine Insel mit Bergen,

Palmen und Ziegenherden,

mit dem Flieger nicht allzu fern,

wo wir sind immer wieder gern.

 

Einfach nur entspannen

und den Alltag verbannen,

kein Stress und auch keine Eile,

eine Auszeit für eine kleine Weile.

 

Tief einatmen die Luft,

der Blumen zarter Duft.

Still lauschen der Wellen Klang,

erfreuen am Sonnenuntergang.

 

Spaziergänge am Strand,

Burgenbauen im weißen Sand

und eine Schifffahrt sind Muss,

bieten Seele und Auge Genuss.

 

Nehmen dann mit zurück

Erinnerungen voller Glück.

Dankbar für des Alltags Pause,

sichten wir die Fotos zu Hause.

 

So schön es auch war,

eines ist doch ganz klar:

Am Schönsten ist es daheim!

Das passt auch zu meinem Reim.

😉

 

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Mit Schaufel und Eimer

 

Gut beschirmt

Da liegt er nun. Mitten in der Stadt hat man ihn ausgesetzt. Niemand achtet wirklich auf ihn. Nur ein Junge, der vorbeikommt, gibt ihm noch einen Fußtritt, damit er den Bürgersteig frei macht. Verschreckt bleibt er an einer Mauer liegen. Ein verwelktes Blatt hat sich zu ihm gesellt.
„Wieso liegst du hier so rum?“, fragt das Blatt.
„Ich bin traurig, denn mich mag keiner mehr! Man hat mich einfach weggeworfen.“
„Wieso? Stimmt mit dir irgendetwas nicht?“
„Ach“, sagt er, „das ist eine lange Geschichte.
„Dann erzähle sie mir doch! Ich kann gut zuhören und außerdem habe ich viel Zeit.“
„Na gut: Am Anfang stand ich in einem Geschäft mit anderen Kollegen zusammen. Viele Menschen gingen täglich in dem Laden ein und aus. Keiner würdigte uns eines Blickes, denn draußen war Sommer und die Sonne brannte vom Himmel. Uns brauchte niemand, wir waren überflüssig.“
„So ein Quatsch, wie kann jemand wie du überflüssig sein. Du bist total nützlich!“
„Das dachte ich auch immer, aber schau her, wie ich enden muss!“, schnieft der Schirm total traurig.
„Erzähl weiter, bitte! Wie bist du überhaupt hierher gekommen?“, will das Blatt wissen.
„Naja, irgendwann begann es dann doch zu regnen und alle hatten keinen Schirm dabei, weil der Wolkenbruch ganz plötzlich und unvorhersehbar gekommen war. Alle meine Kollegen waren im Nu verschwunden, nur mich wollte keiner haben. Ich war ihnen zu langweilig, weil ich nur grau und nicht bunt und schillernd bin.“
„Aber dann kam doch jemand, oder?“
„Ja, eine chice Dame kam herein. Sie schaute mich zuerst etwas verächtlich an, aber ihr blieb nichts anderes übrig, als mich mitzunehmen. Ich zeigte ihr meine guten Eigenschaften und spannte mich in meiner vollen Größe auf. Alle Tropfen hielt ich von ihr fern. Ich wurde pitschnass, aber ich ließ keinen einzigen noch so kleinen Tropfen durch. Langsam hatte ich das Gefühl, dass sie mich zu mögen begann. Sie nahm mich sogar mit nach Hause und stellte mich aufgespannt in ihr Bad, damit ich trocknen konnte. Doch dann nahm mein Schicksal seinen Lauf.“
Das Blatt hat ganz still den Ausführungen des Schirms gelauscht und wundert sich nun, warum der Schirm immer trauriger wird.
„Du hast eine Besitzerin gefunden, die deine Dienste zu würdigen weiß. Das ist doch genau das, was sich ein Schirm nur erträumen kann.“
„Ja, ja, aber sie ließ mich einfach immerzu daheim liegen. Und ausgerechnet dann fing es an zu regnen. Am nächsten Tag nahm sie mich dann extra mit. Und genau dann regnete es keinen einzigen Tropfen.“
„Oh, das ist aber Pech!“, gesteht das Blatt.
„Genau und zwar für mich! Sie schimpfte mit mir, dass ich nie zur Stelle sei, wenn sie mich brauchen würde. Und wenn sie auf meiner Begleitung bestand, dann kam ich mangels Regen nicht zum Einsatz. So langsam glaubte sie ich wäre an der ganzen Misere schuld und beschimpfte mich immer mehr.“
„Hast du dich denn nicht verteidigt?“
„Na klar habe ich das getan. Ich erklärte ihr, dass ich ein Wetterschutz sei und kein Wettermacher. Sie meinte nur, dass ich sowieso hässlich wäre und vollkommen überflüssig. Sie warf mich zuerst in den Keller und nach ein paar Wochen kam ich zum Sperrmüll auf die Straße.“
„Und wie bist du dem Müllwagen entkommen?“, fragt das Blatt neugierig.
„Der Wind hat mich gerettet. Heute Nacht hat er tüchtig gepustet und weil ich aufgespannt bin, hat er mich einfach weggeweht. Immer ein Stückchen weiter weg vom Sperrmüllhaufen. Und zum Schluss kam ein Junge und verpasste mir einen solch heftigen Tritt, dass ich hier gelandet bin.“
„Da hast du aber Glück gehabt.“
„Glück? Na, wie man es sieht. Ich lebe noch, ja. Aber was wird mich jetzt für ein Schicksal ereilen?“
Schweigsam liegen nun das Blatt und der Schirm auf dem Gehweg. Menschen schlendern an ihnen vorüber. Der Tag neigt sich dem Ende zu und die Sonne geht bereits unter. Auf einmal bleibt ein Mann vor den Beiden stehen. Er ist sehr ärmlich gekleidet und weder er noch seine Kleidung ist besonders sauber. Er riecht nach Alkohol und trägt eine Plastiktüte bei sich. In dieser Tüte sind seine ganzen Habseligkeiten. Er hat keine feste Bleibe, sein Schlafplatz ist eine Bank im Stadtpark. Dieser Mann beugt sich nun zu dem Schirm hinunter und hebt ihn auf. Er dreht und wendet ihn in seinen Händen.
„Du bist ja ein richtiges Schmuckstück!“, sagt er. „Kein bisschen kaputt. Du bist einfach perfekt!“
Der Obdachlose strahlt und streicht zärtlich über den Schirm.
„Jetzt habe ich ein Dach über dem Kopf und werde nicht mehr nass. Welch ein Glück, dass ich dich gefunden habe! Und als Spazierstock kann ich dich auch noch benutzen. Heute ist mein Glückstag! Ich bin richtig reich beschenkt worden!“
Glücklich klappt der Mann den Schirm zu und zieht von dannen. Er hört nicht wie das auf der Innenseite des Schirmes klebende Blatt kichert:

„So schnell kann das Blatt sich wenden,
lass dich nur nicht von Äußerlichkeiten blenden!“

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In die Jahre gekommen

„Jung bin ich nicht mehr, aber immer noch nett anzusehen. Leider ist mein Geburtsdatum irgendwie in Vergessenheit geraten, genauso wie mein Geburtsort. Wenn ich es mal so gedanklich überschlage, dann müsste ich so langsam aber sicher auf die neunzig zugehen. Meine Haube hat schon ein paar Macken und meine kleine Ablagefläche auch, aber eingestaubt bin ich dank der guten Pflege noch nicht. Mit ein bisschen Politur für das Holz, Farbe für mein Gestell, einem neuen Lederriemen, eine neue Nadel und ein paar Tropfen Öl für die Maschine komme ich doch glatt wieder in Schwung. 

Naja, mit den jungen Dingern kann ich nicht mehr so recht mithalten. Die sind einfach schneller als ich. Aber in meinem Alter ist man eben ein bisschen langsamer. Auch der ganze neumodische Kram ist mir fremd und programmieren lasse ich mich schon gar nicht. Im Leben kommt es nicht immer auf Schnelligkeit an, aber ich muss sagen, Zickzack und Geradeaus klappt immer noch ganz prima bei mir.
Wenn man so wie ich in die Tage gekommen ist, dann denkt man schon gar manches Mal an früher und lässt sein Leben an sich vorüber ziehen. Von Kindheitstagen an habe ich viel gearbeitet, manchmal wurde ich sacht und manchmal schwer und hart getreten. Aber ich habe immer tapfer weiter gearbeitet und unermüdlich meinen Dienst verrichtet. Ja, manchmal gab es kleine Zwischenfälle. Wenn man mir zuviel zugemutet hatte, konnte es schon mal vorkommen, dass es zu Brüchen oder anderen Verschleißerscheinungen kam. In den meisten Fällen jedoch kam nur eine neue Nadel zum Einsatz. Mehrmals wurde ich jedoch in meinem Leben so stark und schnell getreten, dass die Erneuerung des Lederriemens unvermeidbar war. Sparsam war ich mein ganzes Leben lang. Strom und Elektronik sind für mich Fremdwörter. Allein die Antriebskraft meiner Gebieterin und der eigene daraus resultierende Schwung weckte bei mir die Lebensgeister und ließ mich auf Hochtouren laufen. Ohne mich selbst zu loben, kann ich von mir sagen, dass ich meine Arbeit immer zur vollsten Zufriedenheit aller Beteiligten erledigt habe. Ich hatte ein erfülltes Leben. Und nun genieße ich meinen wohlverdienten Ruhestand. Doch es hätte auch anders kommen können. Ob es jetzt Glück, Zufall oder Bestimmung war, lässt sich im Nachhinein schwer sagen. Ich bin jedoch froh, dass es so gekommen ist, wie es jetzt ist.
Ich habe ganz viele Jahre meine treuen Dienste bei einer lieben und fleißigen Frau geleistet. Sie hat mir viel abverlangt. Manchmal musste ich auch nachts arbeiten, wenn die anderen schon schliefen. Dafür konnte ich dann tagsüber ruhen, aber sie musste auch dann arbeiten. Sie versorgte ihren Haushalt, kümmerte sich um ihren Mann und die gemeinsamen Kinder. Die Zeiten, besonders im Krieg und danach, waren hart und alle Menschen mussten schwer arbeiten. Es fehlte an Geld und oft auch an Nahrung und Kleidung. Ohne mich wäre die Familie jedoch noch ärmer gewesen. Ich half beim Überleben. Damals zum Beispiel als des Schusters Kinder neue Kleider brauchten, war ich da und nähte zwei Nächte und zwei Tage. Dafür bekam die Frau, die mich bediente, ein paar neue Schuhe für sich und ihr Kind. Auch die Bäckersfrau hätte ohne mich keine neuen Gardinen und der Metzger keinen neuen Kittel bekommen. Als Gegenleistung gab es Brot und Wurst dafür.
Später, als die Zeiten besser waren, nähte ich das Hochzeitskleid für die liebe Frau oder das Taufkleid für ihr Kind. Manchmal musste ich stopfen, ändern, kürzen oder etwas weiter beziehungsweise enger nähen, aber nichts machte mir so viel Freude wie etwas neu zu erschaffen und damit Menschen glücklich und anziehend zu machen. Für mich gab es nach getaner Arbeit immer ein sanftes Streichen über meine Oberfläche, was für mich einem großen Lob gleich kam.
Die Jahre vergingen und ehe ich mich versah, wurde ich immer weniger gebraucht. Ich wurde nicht mehr so schnell und auch nicht mehr so hart getreten. Naja, wenn ich ehrlich bin, ein wenig müde war ich inzwischen auch geworden. Aber zum alten Eisen gehörte ich trotzdem noch nicht. Auch sprach man jetzt von den neueren und jüngeren Modellen, die mit allen möglichen Raffinessen ausgestattet waren und flink und fehlerlos ihre Arbeit verrichteten. Allerdings muss ich sagen, ohne Strom geht bei ihnen nichts. Ich hingegen war und bin immer und überall einsatzbereit.
Dann kam, was kommen musste. Ein letztes Mal wurde meine Schublade geöffnet, ein Faden durch das Nadelöhr gezogen. Zum letzten Mal wurde ein Stoff unter meinem Füßchen hindurch gezogen und ein letztes Mal vereinten sich Stoff und Faden und ließen mit Hilfe der Nadel eine saubere und gerade Naht entstehen. Danach schloss sich meine Schublade zum vorerst letzten Mal und senkte sich die Haube endgültig über mich.
Die liebe und fleißige Frau, die mich immer bedient hatte, war für immer gegangen. Man hatte sie zu Grabe getragen und ich stand nun unbeachtet in einer Ecke der Wohnung. Traurigkeit breitete sich aus. Ich dachte schon, dass auch mein letztes Stündlein geschlagen hätte und ich sah mich schon beim Sperrmüll. Sicher würde ich zu irgendwelchem Unrat hinzu geworfen. Teile würden abbrechen, mein Holz würde splittern und mein Leben wäre ausgehaucht.
Doch dann geschah das, was ich heute Fügung nennen möchte. Der Ehemann der lieben verstorbenen Frau wollte nicht mehr einsam sein und wagte sich wieder unter Menschen. Er ging hin und wieder in einen Altenclub. Dort traf er eine Oma dessen Enkelsohn gerade mit seiner zukünftigen Frau eine gemeinsame Wohnung beziehen wollte. Leider mangelte es den jungen Leuten nicht nur an Geld, sondern auch an Möbelstücken und anderen Dingen. Die beiden alten Leutchen kamen miteinander ins Gespräch und noch am selben Tag wechselte ich meinen Wohnort, mitsamt dem kompletten Inhalt meiner Schublade. Zuerst kam ich zu der Oma, wurde aber dann abgeholt und landete im Wohnzimmer bei dem jungen Pärchen. Sie polierten und wienerten mich, so dass ich bald wieder in meiner vollen Schönheit erstrahlte. Ich sollte noch dreimal mit meinen Besitzern umziehen. Ich erlebte wie sie eine Familie wurden und ein Baby kam, das Kind heranwuchs und erwachsen wurde. Doch jetzt hat man mir schon seit mehr als zwanzig Jahren einen Ehrenplatz zugewiesen, an dem ich von jedem der im Haus ein und aus geht, gesehen werde. Ich werde gelobt, gepflegt und gehütet. Man spricht in lobenden Worten über mich und streicht achtungsvoll über meine Haube und manchmal lüftet man diese, um mich stolz zu präsentieren. Und Lottchen, das kleine Kätzchen, streicht schmeichelnd um mein Gestell. Hier bin ich zu Hause, rundum zufrieden und glücklich.“

Und hier noch ein paar Fotos von mir:

Das „Singer“-Zeichen auf der Haube

1200px-Zeichen

Die Nähmaschine

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Das Zeichen am Gestell

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Das Pedal

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Der Schubladeninhalt

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Was wird nur aus mir?

Ich kann mich nur noch wundern. Man hat mich hier einfach abgelegt. Ich habe keine Ahnung warum und was das soll. Außerdem bin ich hier alleine. Naja, nicht ganz alleine. Es sind noch eine Menge anderer da, aber trotzdem fühle ich mich verlassen.

„Hallo!“, rufe ich und hoffe, dass mich jemand hört. „Wo ist eigentlich meine zweite Hälfte?“
Das ist nämlich mein bester Freund, ohne den ich nicht leben kann. Wenn er fehlt, ist meine ganze Existenz und meine Berufung hinfällig. Ich bin dann ein Nichts. Keiner wird mich jemals wieder beachten.
„Hallo?“, rufe ich noch einmal. „Gebt mir bitte meinen Kameraden wieder.“
Alle anderen um mich herum sind plötzlich nicht mehr still. Um mich bricht Tumult aus. Jeder hat etwas zu berichten.
„Uns geht es genauso wie dir!“
„Von Zeit zu Zeit verlässt uns einer!“
„Man munkelt, man habe seine zweite Hälfte wieder gefunden und Beide vereint.“
„Andere verschwinden auf Nimmerwiedersehen.“
„Manche gehen zurück zu ihrem Partner und später schicken sie ihn manchmal sogar alleine zu uns.“
Das alles macht mich ziemlich nervös. Meine Zukunft steht also auf einem unbeschriebenen Blatt. Ich frage mich ernsthaft: Was wird aus mir? 
Hinzu kommt noch eine andere Tatsache. Ich spüre seit geraumer Zeit, dass mit mir irgendetwas nicht stimmt. Ich fühle mich unwohl. Tja, und dann bin ich in mich gegangen und habe herausgefunden, dass ich eine ziemlich große Verletzung habe. Vielleicht soll mir ja geholfen werden. Das hoffe ich zumindest. Aber was man hier von den anderen so hört, ist nicht gerade aufbauend und das macht mich schon ziemlich fertig. 
„Früher hat man einem wie dir sofort geholfen!“
„Heutzutage allerdings ist das nicht mehr so sicher, denn es gibt genügend andere, die unverletzt sind.“ 
„Die können dich und deinen Kumpel mühelos ersetzen.“
„Sie behaupten, dass sich der Aufwand nicht mehr lohnt.“
Das alles scheint eine wirklich trübe Aussicht zu sein. Doch, wie sagt man so schön? Die Hoffnung stirbt zuletzt. Und so hoffe ich doch auf ein Happy End.
Ob es ein gutes und fröhliches Ende wird oder vielleicht ein vernichtendes Ende, kann zu diesem Zeitpunkt noch niemand sagen. Beide Möglichkeiten lassen jedoch ziemlich auf sich warten und ehrlich gesagt, so langsam werde ich ungeduldig.
Doch plötzlich vernehme ich Stimmen. Sie kommen nicht von den anderen, die mit mir auf dieses „Was-auch-immer“ warten. Diese Stimmen gehören einem kleinen Mädchen und dessen Mutter.
„Mir ist sooo langweilig. Ich weiß nicht, was ich machen soll“, jammert die Kleine.
„Na, da müssen wir uns aber schnell etwas einfallen lassen“, meint die Mutter und denkt angestrengt nach.
„Ich glaube, ich hab da eine Idee!“, tönt es auf einmal ganz dicht neben mir und eine Frauenhand greift nach mir. „Schau, was ich hier habe…“
„Was will ich denn mit dieser blöden alten Socke?“, fragt das Mädchen enttäuscht. „Und ein Loch hat sie außerdem auch noch!“
„Warte mal ab, was wir daraus zaubern! Du wirst staunen!“, tröstet die Mutter und nimmt mich mit ins Wohnzimmer.
Jetzt wird an mir gezogen, gebogen und gedreht, geklebt und genäht. Ich weiß gar nicht, wie mir geschieht.
„Hilfe!“, will ich gerade ausrufen, da jubelt das kleine Mädchen:
„Oh, ist der süß!“
Bevor ich mich versehe, hat sie mich geschnappt, plappert munter auf mich ein und bewegt mich hin und her. Mir wird schon fast schwindelig, da stürmt sie mit mir zu ihrem Vater und meint:
„Schau mal, was wir aus einer alten Socke gemacht haben! Darf ich vorstellen?! Das ist Strumpfienrich!“
Zum Glück kommen wir an einem Spiegel vorbei und ich schiele schnell mal hin. Ich habe mich ja selbst nicht mehr wiedererkannt. Ich kann mein Glück fast nicht fassen. Aber es kommt noch besser. Nach ein paar Tagen gesellt sich noch eine Strumpfiene zu mir. Ist das nicht ein tolles Happy End?!

 

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Familie von Stein

 

Einst vor vielen, vielen Jahren,

überlegt, wo wir damals waren.

Lagen einfach so am Straßenrand,

zugedeckt von Gras, Schutt und Sand.

 

Unscheinbar und einfach nur grau,

Steine, unansehnlich und auch rau.

Viele gab es da von unserer Sorte,

überall und so auch an diesem Orte.

 

Doch dann ein Junge ist gekommen,

hat uns sanft in die Hand genommen.

Obwohl wir waren angeschlagen,

hat er uns alle nach Hause getragen.

 

Er hat uns in einer Kiste versteckt,

so hat uns auch niemand entdeckt.

Als er dann wieder ist aufgetaucht,

hat er uns das Leben eingehaucht.

 

Wir sind nun die Familie von Stein,

Papa, Mama und die Kinderlein.

Und soll ich euch was verraten?

Wir wohnen beim Efeu im Garten.

 

Dort hat der Junge uns vergessen,

hat jetzt wohl andere Interessen.

Wir blicken ihm immer hinterher,

doch er sieht uns nimmermehr.

 

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Ein langjähriger Freund der Familie, nennen wir ihn einfach mal ‚Markus‘, ist zufällig vorbei gekommen. Wir sitzen in gemütlicher Runde beim Nachmittagskaffee und plaudern ein bisschen. Man kommt vom Hundertsten ins Tausendste und so fragt er mich:

„Du bist doch Grundschullehrerin. Hat sich da nicht einmal ein kleiner Schulanfänger in dich verliebt?“

Ich merke ziemlich schnell, dass unser Bekannter gar keine Antwort erwartet, denn er erzählt einfach munter weiter.

„Ich war in der ersten Klasse und unsterblich in meine Lehrerin verschossen.“

In Gedanken schmunzelt er vor sich hin und erweckt damit bei mir und meinem Mann die Neugier.

„Da steckt doch noch mehr dahinter!“, wittere ich eine interessante und vielleicht sogar lustige Geschichte.

„Und ob da noch mehr dahintersteckt. Ich kann mich noch gut daran erinnern“, grinst Markus und reibt sich die linke Wange, was meiner Beobachtungsgabe nicht entgeht. Ich frage mich insgeheim, ob dies nebensächlich ist oder doch im Zusammenhang mit seinem kleinen Geständnis steht.

„Möchtest du noch ein Stückchen Kuchen während du uns die ganze Geschichte erzählst?“, versuche ich ihn zu ködern.

„Na klar und ein Tässchen Kaffee nehme ich gerne auch noch“, willigt er sofort ein.

Ich lasse ihm auch noch die Zeit für einen ersten Bissen und einen Schluck Kaffee, aber dann kann ich meine Neugierde tatsächlich nicht mehr im Zaum halten.

„Jetzt spann uns doch nicht so auf die Folter! Leg schon los und erzähle uns von deiner wohl ersten großen Liebe.“

Markus nickt und schiebt noch einen Happen in den Mund, doch dann lässt er uns an seinen Erinnerungen teilhaben.

„Wie gesagt, ich war total in meine Grundschullehrerin verliebt. Ich glaube, ich war ihr strebsamster Schüler in dieser Zeit. So aufmerksam habe ich wohl nie mehr in meiner gesamten schulischen Laufbahn zugehört. Und gelernt habe ich nur für sie. Immerhin wollte ich ihr imponieren. Und wie kann man einer Lehrerin imponieren? Wohl nur durch Leistung. So klebte ich förmlich an ihren Lippen und sobald sie eine Frage an uns richtete, schnellte mein Finger nach oben.“

Ungefragt schiebe ich ein weiteres Stückchen Kuchen auf Markus Teller, so nach dem Motto: Erzählen macht hungrig. Er schwelgt so sehr in seinen Erinnerungen, dass das Essen nebenher ganz automatisch abläuft.

„Wie jeder normale Mensch hat auch eine Lehrerin irgendwann Geburtstag. Das hatte ich herausgefunden. Immerhin hatte sie alle unsere Geburtsdaten und somit war es nur gerecht, uns auch ihren Geburtstag zu verraten. Der Tag rückte immer näher und ich zerbrach mir den Kopf, was ich ihr wohl schenken könnte. Es sollte etwas Kostbares sein. Immerhin war sie zu diesem Zeitpunkt meine ganz große Liebe. Das Problem war nur, dass ich mit den paar Münzen in meiner Hosentasche nichts anfangen konnte, geschweige denn ein kostbares Geschenk kaufen.“

Inzwischen sind mein Mann und ich ganz Ohr, denn Markus Erinnerungen scheinen noch nicht ihren Höhepunkt erreicht zu haben.

„Kann ich noch einen Schluck Kaffee haben?“, fragt er mich und hält mir seine Tasse hin. Mit dieser Frage war er allerdings nur kurzzeitig bewusst in der Gegenwart, um sogleich wieder in die Vergangenheit abzutauchen.

„Nach der Schule verschwand ich sofort in meinem Zimmer, um es nach etwas wirklich Kostbaren abzusuchen, das als Geschenk für meine Lehrerin geeignet gewesen wäre. Doch was lässt sich da in einem Kinderzimmer schon finden. Gut, ich hätte ihr ein Bild malen können, aber ich war ja kein begnadeter Künstler und Kinderzeichnungen hatte sie wahrscheinlich schon massenhaft.“

„Das wäre aber das Einfachste gewesen und hätte ihr bestimmt gefallen“, erkläre ich ihm.

„Hast du ihr vielleicht einen hübschen Strauß aus Wiesenblumen gepflückt?“, will nun auch mein Mann wissen.

„Nein!“, gibt uns Markus zu verstehen. „Aber ich hatte eine blendende Idee, wie ich mir damals einbildete.“

Hätte uns jemand bei diesem Nachmittagskaffee beobachtet, hätte dieser Jemand auch bemerkt, dass ich vor Spannung die Luft anhielt und bei Markus weiterer Erzählung meine Augen vor Erstaunen immer größer wurden.

„Ich schlich mich ins Schlafzimmer meiner Eltern, als diese am Nachmittag im Garten waren. Dort fiel mein Blick sofort auf den Nachttisch meiner Mutter. Und genau dort wurde ich fündig und wusste in diesem Moment sofort, dass dies das passende Geschenk für meine Lehrerin war.“

„Auweia!!!“, entfuhr es mir und meinem Mann wie aus einem Munde.

„Das könnt ihr wohl laut sagen!“, bestätigt Markus unseren spontanen Ausruf.

„So überreichte ich meiner Grundschullehrerin am nächsten Vormittag nach Schulschluss ein kleines Päckchen, das sie aber erst zu Hause auspacken sollte, was sie mir auch versprach.“

„Die hat bestimmt nicht schlecht gestaunt“, grinst mein Mann.

„Keine Ahnung, das habe ich ja nicht gesehen. Aber sie hat anscheinend meine Eltern sofort telefonisch kontaktiert. Zumindest berichtete meine Mutter mir beim Zubettgehen, dass sich meine Lehrerin für einen Hausbesuch angekündigt hätte. Das war bei uns damals so üblich. In gewissen Zeitabständen besuchten die Lehrer die Eltern der Schüler zu Hause, um sich ein Bild von den häuslichen Gegebenheiten zu machen und einen Bericht über die schulischen Leistungen der Sprösslinge abzugeben. Also dachte ich mir nichts dabei, freute mich aber schon sehr darauf.

„Als es dann an der Haustür klingelte, war ich noch in meinem Zimmer. Ich wartete aufgeregt und voller Freude darauf gerufen zu werden, denn erst dann durfte ich auch dazu kommen.“

Inzwischen rutsche ich schon unruhig auf meinem Stuhl hin und her und mein Kuchen ist immer noch unangetastet, denn vor lauter Zuhören bin ich noch gar nicht zum Essen gekommen.

„Ja und dann rief mich meine Mutter“, berichtet Markus weiter und macht eine spannungstechnische Pause.

„Sie erwartete mich direkt am unteren Treppenabsatz, wo sie mir auch sogleich eine schallende Ohrfeige verpasste.“

Wieder reibt sich Markus seine linke Wange und sie scheint ihn bei der Erinnerung der damaligen Ereignisse immer noch zu schmerzen.

„Meine Lehrerin war bereits gegangen, was sie allerdings dagelassen hatte, war mein Geschenk an sie.“ 

„Und…?  Jetzt verrate es uns endlich! Was war das für ein Geschenk? Und vor allen Dingen, ob es gut angekommen ist“, fordere ich Markus auf.

„Kostbar war es auf alle Fälle, das hat auch meine Lehrerin bemerkt“, sagt er geheimnisvoll.

„Nun sag schon!“, ermutigt ihn jetzt auch mein Mann.

„Etwas aus der Schmuckschatulle auf dem Nachttisch meiner Mutter.“

„Oh, oh!“ Uns schwant nichts Gutes.

Markus holt tief Luft und dann meint er mit ernster Miene:

„Eine Goldkette aus 750er Gold mit einer Medaille daran. Die Kette war das Hochzeitsgeschenk von meinem Vater an meine Mutter.“

 

 

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Ich will hinaus in den Garten,

dort werde ich auf ihn warten.

Lange schon habe ich ihn nicht mehr gesehen,

ich verstehe nicht, was ist nur geschehen.

 

Wir waren Kumpels eine lange Zeit,

doch das ist nun Vergangenheit.

Er wohnte dort drüben in des Nachbars Haus,

stets auf der Suche nach einem Schmaus.

 

Um hier meine Milch zu trinken,

musste er auf drei Beinen hinken.

Geduldig zu warten war seine Strategie,

bis mein Frauchen gab ihm ein Leckerlie.

 

Wir waren Freunde auf Distanz,

auf der Hut, aber mit  Akzeptanz.

Er kommt nicht mehr auf seinen drei Beinen,

um zu fressen aus dem Napf, dem Meinen.

 

Er ist bestimmt gut aufgehoben,

dort im Katzenhimmel, ganz oben.

Will mich in Gedanken von ihm verabschieden,

denn er schläft nun für immer ganz in Frieden.

 

Tschüss Dreibein!

 

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Hallo, Hallo!!!

Professor Konfusi hat heute viel zu tun und ist den ganzen Tag außer Haus. Auch seine Frau ist unterwegs. Sie ist am Nachmittag mit zwei Freundinnen zum Einkaufsbummel verabredet. Da Professor Konfusi trotz des strammen Terminplans nicht auf das gemeinsame Mittagessen mit seiner Frau verzichten möchte, haben sich die Beiden einen Treffpunkt um die Mittagszeit ausgemacht. So ist eine Bäckerei mit einem gemütlichen Café ihr gemeinsamer Anlaufpunkt.

„Ich habe ungefähr zwei Stunden Zeit, bevor mein nächster Termin beginnt“, sagt er zu seiner Gemahlin, als sie aufeinandertreffen.
„Schön, dass es geklappt hat, so kannst du wenigstens ein Weilchen verschnaufen“, lächelt sie ihn an.
Sie studieren die kleine Speisekarte des Cafés und entscheiden sich für jeweils ein Omelett mit Schinken und Käse und einen Durstlöscher. Als Nachtisch teilen sie sich ein Stückchen Kuchen. Es soll ja nicht zu üppig sein und ein bisschen wollen sie auch auf die Kalorien achten. Dazu gehört natürlich noch je eine Tasse Kaffee zum Abschluss.
Kurz nachdem sie ihre Bestellung aufgegeben haben, vibriert es in der Tasche von Frau Konfusi. Da sich ihr Gatte gerade auf der Toilette befindet und das Essen noch nicht serviert wurde, beschließt sie den Anruf anzunehmen.
„Hallo, hallo!“, ruft sie in das Handy, als sie dieses endlich in ihrer  Handtasche gefunden hat.
Leider meldet sich niemand, denn der Teilnehmer am anderen Ende hat aufgelegt, da er nach mehrmaligen erfolglosem Klingeln aufgegeben hat.
„Kennst du diese Nummer?“, fragt Frau Konfusi ihren Mann, als dieser wieder zum Tisch zurückkommt. „Ich war leider zu spät, um den Anruf entgegen zu nehmen.“
„Nein“, meint er, „die Nummer sagt mir jetzt nichts! Ruf doch einfach zurück, dann weißt du wer es war.“
Gesagt, getan. 
„Oh!“, sagt sie ein paar Sekunden später überrascht zu dem Angerufenen. „Wir hatten heute einen Termin? Das kann doch gar nicht sein. In meinem Terminkalender stand gar keine Notiz.“
Nachdem ihr am anderen Ende noch einmal versichert wurde, dass es sich um keinen Irrtum handelt, entschuldigt sie sich:
„Es tut mir sehr leid, aber das passt jetzt gar nicht. Könnten Sie bitte den Termin für mich streichen?“
„Wer war das?“, erkundigt sich ihr Mann, der inzwischen seinen Teller schon fast geleert hat.
„Angeblich hätte ich in ein paar Minuten einen Termin zur Maniküre und zur Pediküre, obwohl ich mich nicht daran erinnern kann und ehrlich gesagt,  jetzt auch weder Lust noch Zeit habe“, erklärt Frau Konfusi.
„Ich könnte den Termin doch für dich übernehmen. Erstens bin ich mit dem Essen schon fertig, – den Kuchen schaffst du auch alleine, den Kaffee nehme ich mit –  und zweitens könnte ich mir eine Pediküre vor meinem nächsten Termin gerade noch gönnen“, beschließt ihr Gemahl und drückt erst auf die Anrufliste und dann auf eine Nummer.
Er reicht seiner Frau das Handy, damit sie den gestrichenen Termin doch noch für ihn retten kann.
„Hallo!“, meldet sich auch sogleich eine leise Frauenstimme.
„Scheinbar hat sie auf Lautsprecher gestellt, weil sie in einer laufenden Behandlung ist“ begründet sich Frau Konfusi in Gedanken dieses leise und zurückhaltende Stimmchen der Gesprächsteilnehmerin.
„Ich habe doch gerade den Termin bei Ihnen abgesagt….“
„Wie?“
„…mein Mann würde allerdings den Termin übernehmen wollen…“
„Wer sind Sie?“
„Frau Konfusi!“
„Ja?“
„Wir hatten doch gerade miteinander telefoniert!“
„Was? Wie? Was wollen Sie?“
Frau Konfusi ist sichtlich verwundert über die Fragen ihrer Gesprächspartnerin. Sollte diese etwa wegen der Terminabsage verärgert sein? Nach einer kurzen Stille vernimmt sie plötzlich eine Männerstimme aus dem Handy.
„Wer sind Sie?“
„Wie ich schon sagte, ich bin …“
„Wen wollen Sie sprechen?“
„Die Fußpflegerin!“
„Wen?“
„Oh, Entschuldigung!“, flüstert Frau Konfusi ins Telefon, denn ihr ist inzwischen ein Licht aufgegangen und so fügt sie schnell hinzu: „Ich glaube, ich habe mich verwählt.“
„Sag mal?!“, erkundigt sie sich bei ihrer besseren Hälfte, „welche Nummer hast du denn gewählt?“
„Wieso? Wer war denn dran?“
„Frau Konfusi zuckt die Schultern. „Zuerst eine sehr leise Frau und dann ein älterer Herr, – der Stimme nach zu urteilen“, erklärt sie.
„Zeig doch mal her! Ich glaube, ich habe da so eine Ahnung.“
Professor Konfusi nimmt das Handy, schaut auf das Display und drückt die zuletzt gewählte Nummer.
„Ach Sie sind es, Herr Mettemann!*“, begrüßt er den Herrn. „Hier ist Konfusi. Wir hatten doch gestern Abend telefoniert und ich glaube, Sie haben gerade eben mit meiner Frau gesprochen, die eigentlich mit ihrer Fußpflegerin reden wollte… Entschuldigen Sie bitte!…“
„Wie? Du kennst den Herrn?“, will nun Frau Konfusi wissen und ist nun vollends verwirrt.

 

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*Der Name ist frei erfunden und hat keinen Bezug zu lebenden oder verstorbenen Personen.